Der Unterschied zwischen Kalligrafie, Lettering und Typografie (und warum es wichtig ist ihn zu kennen)

Stell‘ dir vor, du hast einen Handlettering-Kurs gebucht und merkst nach der ersten halben Stunde, dass du eigentlich etwas ganz Anderes lernen wolltest.

Einleitung

Kalligrafie, Lettering, Typografie – sind das nicht einfach verschiedene Wörter, um dasselbe auszudrücken? Tatsächlich beschreiben sie alle sehr unterschiedliche Disziplinen, die leicht durcheinander gebracht werden können. Nach diesem Artikel wirst du die einzelnen Begriffe spielend auseinander halten können.

Kalligrafie

oder auch: die Kunst des Schönschreibens

Der Name kommt nicht von Ungefähr: Kalligrafie stammt von dem griechischen Begriff kalligrafia, was sich unterteilen lässt in kallos (schön) und graphe (schreiben). Damit ist sie eine von Hand geschriebene Form der dekorativen Kunst.

Charakteristisch für Kalligrafie ist, dass in einem Schwung gearbeitet wird. Das Schriftbild ist ein direkter Ausdruck der Handbewegung. Die Schönschrift besteht dabei aus wenigen gekonnten Strichen. Richtig angewandt vermittelt sie einen Eindruck der Leichtigkeit, ist jedoch meist strikt durchgeplant und mit Bedacht geschrieben.

Dazu braucht es höchste Kontrolle über die eigene Handmotorik und die verwendeten Werkzeuge. Man kann sich Kalligrafieren ähnlich vorstellen, wie ein Instrument zu spielen. Durch Übung wird man konstant besser: der Körper prägt sich Bewegungsabläufe ein und man lernt sein Werkzeug zu gebrauchen.

In der Kalligrafie gibt es klassische und moderne Varianten. Geschrieben wird mit Feder oder Pinsel. Ich möchte dir hier einen Einblick in die Stile geben:
Die Spitzfeder erzeugt sehr feine Linien auf dem Papier, die bei Anwendung von Druck auf die Feder dicker werden (Expansionskontrast). Linien vom Körper weg sind dabei dünn, Linien zum Körper hin schwellen an.

Eine Breitfeder hingegen hat eine dünne, sowie eine breite Auflagefläche zum Papier. Die Anordnung der dünnen und dicken Linien ist hierbei abhängig vom Winkel der Feder zum Papier (Translationskontrast).

Bevor der Buchdruck aufkam gab es keine andere Möglichkeit, als ganze Bücher von Hand zu vervielfältigen. Kalligrafie wurde früher also genutzt, um gut lesbaren Fließtext in Büchern zu schreiben. Heutzutage ist der Einsatz von Kalligrafie bei festlichen Anlässen besonders beliebt. Der Attraktivität und dem Inhalt wird dabei eine ähnliche Bedeutung beigemessen. Anwendungsbereiche sind zum Beispiel Einladungen, Glückwünsche und Urkunden.
Nicht zu vergessen ist hier auch der aktuelle Trend des Brushlettering , der nur namentlich dem Lettering zugewiesen werden kann. Denn streng genommen gehört diese Disziplin zur modernen Kalligrafie. Dabei wird ein Pinselstift genutzt, um ein ähnliches Schriftbild zur Spitzfeder zu erreichen. Man kann klassische Schriftmodelle nutzen oder nah an der eigenen Handschrift arbeiten. Das ermöglicht schnelle Ergebnisse und damit eignet sich Brushlettering besonders für Anfänger.

Beispiel geschrieben mit der Spitzfeder von Sigrid Bengel, www.schriftundkunst.de

Beispiel geschrieben mit der Breitfeder von Markus Braun, https://flic.kr/s/aHskMNft16

Beispiel Moderne Kalligrafie mit dem Brushpen von Michelle Bertram, http://www.michilicious.com/

Beispiel Moderne Kalligrafie mit einem Buntstift von Anja Sickert, https://wortspuren.com/

Beispiel Klassische Kalligrafie mit der Breitfeder von Hihotypo

Beispiel Japanische Kalligrafie mit dem Pinsel

(Hand-)Lettering

oder auch: Das Zeichnen von Buchstaben

Lettering ist nah verwandt mit Illustration und Zeichnen. Eine spezielle Kombination von Buchstabenformen werden mit mehreren Strichen skizziert, gezeichnet und verfeinert. Keine zwei Projekte sind jemals gleich.

Stilistisch sind dem keine Grenzen gesetzt: Lettering kann naiv und harsch, aber auch haarfein detailliert sein. Es kann witzig sein oder bitterernst. Und genau darin liegt der Vorteil: Die Buchstaben werden passend zum Projekt geformt und konstruiert.

Die Vielfalt der Werkzeuge ist schier unendlich. Mit Bleistift, Finelinern und Zeichenfedern können Buchstaben analog gezeichnet werden. Am Computer kann man Schrift digital zeichnen oder in Vektorgrafiken umwandeln. Unterschiedliche Materialien, wie eine Karotte, ein altes T-Shirt oder Eichenlaub bieten Gelegenheit dazu, Buchstaben aus ihnen zu formen.

Du fragst dich warum Lettering gerade so beliebt ist?
Bis man seinen eigenen Stil gefunden hat und mit Leichtigkeit professionelle Ergebnisse erzielt, braucht es schon enorm viel Übung. Wenn du jedoch ein paar Grundlagen beherzigst und Spaß an der Sache hast, wirst du schnell erste Erfolge erzielen. Das macht Lettering zu einem guten Einstiegsfeld.

Unterkategorien des Letterings sind zum Beispiel auch Schildermalerei, Illumination, Handlettering (der Begriff impliziert zwar, dass man Stift & Papier gearbeitet wird, das kann aber genauso gut mit Stylus und Tablet geschehen).

Lettering auf Keramik-Mosaik

Illustriertes L in schwunghafter Form

Lettering, erst analog ausgearbeitet und anschließend mit Adobe Illustrator digitalisiert

Beispiel Skizzenphase eines Schriftzuges von Peter Becker (Auftraggeber: Landor Hamburg, 2008), http://www.handmadetypes.fr/

Ein Lettering kann auch aus Objekten bestehen

Gemalte Buchstaben & Schriftzüge auf Schildern

Typografie

oder auch: die Gestaltung und Nutzung von beweglichen Zeichen, die vervielfältigbar sind

Dank der Gutenberg-Presse war es ab dem 15. Jahrhundert möglich, Bücher mithilfe beweglicher, analoger Lettern aus Blei zu setzen und zu vervielfältigen. Diese Erfindung löste zumindest in der Buch-Branche die Kalligrafie, und damit das mühselige Kopieren von Hand, schnell ab.
Heutzutage werden nicht mehr nur Bücher, sondern auch Plakate, Visitenkarten und vieles mehr mithilfe von vorgefertigten, digitalen Buchstaben gestaltet. Sie sind verpackt in Fonts auf unseren Computern und lassen sich in unzähligen Varianten miteinander kombinieren.
Typografen wählen Schriften passend für ihre Projekte nach ihren Bedürfnissen aus, um damit Online- und Printmedien zu gestalten.

Dabei kann man sich den Typografen vorstellen wie einen Musiker, der ein Instrument benutzt. Und was wäre der ohne seinen Instrumentenbauer? Darf ich vorstellen: Der Type-Designer.

Type-Designer erledigen die wohl technischsten Aufgaben. Sie gestalteten Systeme von Buchstaben, die in allen möglichen Kombinationen miteinander harmonisieren müssen. Nicht nur müssen alle Zeichen miteinander funktionieren; ein Font muss ebenfalls als Überschrift als auch als Fließtext nutzbar seien; er sollte in klein und groß funktionieren. Es geht darum Kompromisse einzugehen und den größtmöglichen gemeinsamen Nenner zu finden.

Zu Beginn skizziert der Gestalter seinen Schriftentwurf (Typeface) analog oder digital. Am Computer wird dieser weiter verbessert. Testdrucke und unzählige Korrekturrunden folgen.
Ein benutzbarer Font enthält neben dem eigentlichen Schriftentwurf noch viele weitere Informationen und Funktionen. Zum Beispiel sind Buchstabenabstände fest programmiert. Dabei hat jedes Zeichen zu jedem Zeichen einen individuellen Abstand.
Einen guten Font zu gestalten kann Jahre in Anspruch nehmen.

Beispiel appweeve

Beispiel gedruckte Zeitung

Ein Block Bleibuchstaben vor dem Druck

Beispiel Autokennzeichen

Beispiel Buchdruck

Warum bringen wir sie durcheinander?

Die Fachbegriffe lassen sich nicht gut ins Deutsche übersetzen und nicht jeder hat schließlich Lust, sich mit genauen Definitionen auseinander zu setzen. Auch sind die Grenzen oft fließend. Es gibt z.B. Fonts, die aussehen, als wären sie von Hand geschrieben und auch gezeichnete Schrift, die aussieht, wie gedruckt. Oft ist das Arbeitswerkzeug am Ende das Gleiche: Der Computer. Am Anfang steht die analoge Skizze, aber zum Ende hin wird vieles eingescannt und digital verfeinert. Mittlerweile können auch Kalligrafie und Handlettering prima mit einem Stylus und Tablet geübt werden.

Wieso ist es wichtig, den Unterschied zu kennen?

Um passende Workshops, Arbeitsmaterialien und Ansprechpartner zu finden, musst du die Begriffe zuordnen können. So findest du genau das, was du suchst. Allerdings liegt genau hier auch die Schwachstelle: Der Designer, Künstler oder Lehrende muss diese Begriffe ebenso verwenden. Professionelle sollten sich mit der gängigen Terminologie auskennen und sie Ihren Kunden verständlich machen können. Das ist nicht nur wichtig für Kursangebot, sondern ebenso für Auftragsarbeiten. Kalligrafie, Lettering und Typografie können vom Zeitaufwand her sehr unterschiedlich ausfallen und damit unterschiedlich viel kosten.

Es gilt also wie im Straßenverkehr: Aufmerksam seien für die Fehler anderer und im Zweifelsfall einmal mehr nachfragen.

Fazit

Wenn dir also das nächste Mal einer dieser Begriffe begegnet, weißt du ihn nun einzuordnen. Für die schnelle, handliche Übersicht, kannst du dir dieses Bild herunterladen:

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