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Lettering lernen ist nicht einfach

Überall lese ich: Ganz einfach selber machen, selber lernen, selber gestalten. Kann sein. Die Wahrheit ist aber: Jedem geht es anders dabei. Das hat sich für mich in der Workshop-Praxis gezeigt. Je nach deinen Vorerfahrungen, deiner Motorik, deiner Motivation und gar deinem Selbstbewusstsein wird es dir beim Erlernen anders ergehen.

In diesem Artikel bringe ich auf den Punkt, welche Hürden dich auf dem Weg erwarten, wie du dir den Start leichter machen kannst und warum sich die Mühe lohnen wird!

Vorerfahrung

Du weißt wie man einen Stift (optimalerweise in der Hand) hält? Wie Buchstaben aussehen und was sie bedeuten? Herzlichen Glückwunsch, das reicht für den Start.

Wenn du dich für eine bestimmte Schreibart interessierst, observiere! Die Ladenschilder in der Innenstadt, die Handschrift deiner Freunde oder gar alte Bücher im Antiquariat. Denn das bietet dir Inspiration ohne Ablenkung. Wir wissen doch alle mittlerweile, dass man sich auf Instagram, Pinterest und Co. eher verliert als inspiriert. Versuche im echten Leben Muster zu erkennen: Wie ist die Schrift aufgebaut, was macht sie aus? Warum gefällt sie mir (nicht)?

Das lohnt sich besonders bei Schreibschriften, wenn du diese seit der Schulzeit nicht mehr geschrieben hast. Sieh sie dir an, bevor du versuchst sie direkt mit einem Brushpen zu schreiben. Das kann die eine Menge Frustration ersparen. So lernst du Schritt-Für-Schritt erst die Schreibart, dann das Werkzeug kennen und kannst sie anschließend zusammen nutzen.

Motorik & Haltung

Beginne regelmäßig zu schreiben: Sei es eine Notiz, einen Brief oder die Kritzelei beim Telefonieren. Jeder geschriebene Bewegungsablauf wird dir beim Üben zugute kommen. Denn es macht Hand, Arm und den restlichen Körper warm für das Schreiben oder Zeichnen – eine Art Schreib-Workout sozusagen.

Neben deinem Workout kannst du bewusst auf deine Bewegungsabläufe und deine Haltung beim Schreiben achten. Gerade, wenn du nach ersten Übungen schnell ermüdet bist oder dir etwas weh tut (erst recht dann), solltest du deine Bewegungen genauer inspizieren. Natürlich weißt du, dass du „benünftig“ sitzen solltest, Aber mal ehrlich: Achtest du wirklich darauf? Und was heißt vernünftig sitzen überhaupt? (Link)

Also einmal ganz von vorne: Du hast kaum Platz zum Schreiben? Mach dir Platz! Du sitzt unbequem? Versuch es anders! Du hast heute noch nicht geschrieben? Wärm dich auf!

Bei welchem dieser Bilder fühlst du dich ertappt?

Ach, der Platz reicht doch noch aus.
Das geht auch ohne Tisch.
Das Bett ist ja viel gemütlicher.
…man kann das ja auch beim Fernsehgucken üben.

Motivation

Du bist motiviert. Sonst wärst du nicht so weit gekommen. Super! Aber nimm dir eine Minute Zeit und frage dich, in welche Richtung deine persönliche Motivation zielt. Es ist wichtig, sich ein Ziel zu stecken, damit man auf etwas hinarbeiten kann. Aber es sollte auch realistisch bleiben, da man sonst leicht ohne Ergebnis und sehr frustriert enden kann.

Der gesunde Bereich zum Lernen liegt wie bei vielen Dingen in der Waage. Irgendeinen Grund solltest du haben. Wirst du gezwungen, hör bitte sofort auf zu lesen und mach etwas, das du tun willst (dann kann dir dieser Artikel auch nicht mehr helfen). Du machst es nur für dich? Prima!
Wenn du nächsten Monat deine Hochzeitseinladungen selbst beschriften möchtest, bisher aber noch keinen Stift in der Hand hattest, solltst du es dir vielleicht nochmal anders überlegen. Mit so einem Mammutprojekt im Rücken kann das Üben keinen Spaß machen.

Und wenn du dich fragst: Wie hat die Marie das denn bloß geschafft? Habe ich am Ende des Artikels eine kleine Überraschung für dich.

Selbstbewusstsein

Du neigst dazu dich übermäßig selbst zu kritisieren? Dann dokumentiere deinen Übungsstand in einem Heft, sodass du jederzeit deine Versuche und deinen Fortschritt ansehen kannst. Gib dir selbst die Erlaubnis am Anfang blutiger Anfänger zu sein. Nicht nur für einen Tag, sondern für eine Weile. Wenn du an einem Tag besonders enttäuscht mit deiner Leistung bist, dann blättere in deinem Heft zurück, um zu sehen, wie schwer der Anfang war und wieviel besser du seitdem schon geworden bist.

Deine ersten Gehversuche sehen dürftig aus? Na klar. Und du hast keinen dieser Tipps befolgt? Dann erst Recht.

Auch ich habe einmal klein angefangen. Und ich habe lange gebraucht Lettering zu lernen. Damals gab es nahe zu keine Übungsunterlagen und man musste schlichtweg viel selbst ausprobieren. Brushpens waren in Deutschland noch ein Fremdwort. So habe ich mir im Dezember 2014 in London meine ersten Brushpens und einen Kalligrafiefüller gekauft. Hier seht ihr, wie es dann weiterging:

Geübt habe ich vor allem im anschließenden Silvester Urlaub, wo ich zu Übungszwecken das gesamte Buffet beschildert habe.
Im Januar hat mich beim morgendlichen Workout Taylor Swift begleitet und ich wollte unbedingt einen runden Rahmen um den Spruch schnörkeln. Ich habe irgendwann aufgegeben.
Brushlettering Anfänge
Erste Versuche mit Farbe.
Das Brushlettering wird langsam sauberer. Der Schnörkeleinsatz ist immer noch furchtbar.
Das erste Mal in groß gearbeitet und das erste Mal (nach einem halben Jahr) richtig stolz auf etwas gewesen. Seitdem liebe ich es auf großen Bahnen Papier zu üben oder an Tafeln zu schreiben.
Erste Gehversuche in der klassischen Kalligrafie – sehr ungewohnt.
Türschild für eine Freundin.
Knapp ein Jahr nach den ersten Buchstaben, bin ich selbstbewusst genug Aufträge anzunehmen und die ersten Kurse zu geben.

Und jetzt ran da!

Lettering lernen ist nicht einfach, aber es wird auch nicht einfacher, wenn du nicht anfängst.

Weihnachtsgutscheine von Hihotypo

Den Liebsten eine Freude machen mit einem Workshop im Jahr 2018? Ab jetzt können auch Weihnachtsgutscheine von Hihotypo unter dem Baum liegen.

Der Gutschein kommt als quadratische Karte in einem Umschlag deiner Wahl (bordeaux, hell- oder dunkelblau, hell- oder mittelgrau, perlmutt schimmernd). Auf der Rückseite wird handschriftlich die Gutschein-Nummer eingetragen.

Auf Wunsch kann der Umschlag auch direkt per Hand beschriftet und mit der Post versendet werden.

Die Gutscheine können per Mail an info@hihotypo.com bestellt werden.

Ein Gutschein kostet 50€ und lässt sich flexibel für einen Workshop nach Wahl oder zwei Einzelstunden im Schriftstudio einlösen.

Vorderseite

Rückseite

Der Unterschied zwischen Kalligrafie, Lettering und Typografie (und warum es wichtig ist ihn zu kennen)

Stell‘ dir vor, du hast einen Handlettering-Kurs gebucht und merkst nach der ersten halben Stunde, dass du eigentlich etwas ganz Anderes lernen wolltest.

Einleitung

Kalligrafie, Lettering, Typografie – sind das nicht einfach verschiedene Wörter, um dasselbe auszudrücken? Tatsächlich beschreiben sie alle sehr unterschiedliche Disziplinen, die leicht durcheinander gebracht werden können. Nach diesem Artikel wirst du die einzelnen Begriffe spielend auseinander halten können.

Kalligrafie

oder auch: die Kunst des Schönschreibens

Der Name kommt nicht von Ungefähr: Kalligrafie stammt von dem griechischen Begriff kalligrafia, was sich unterteilen lässt in kallos (schön) und graphe (schreiben). Damit ist sie eine von Hand geschriebene Form der dekorativen Kunst.

Charakteristisch für Kalligrafie ist, dass in einem Schwung gearbeitet wird. Das Schriftbild ist ein direkter Ausdruck der Handbewegung. Die Schönschrift besteht dabei aus wenigen gekonnten Strichen. Richtig angewandt vermittelt sie einen Eindruck der Leichtigkeit, ist jedoch meist strikt durchgeplant und mit Bedacht geschrieben.

Dazu braucht es höchste Kontrolle über die eigene Handmotorik und die verwendeten Werkzeuge. Man kann sich Kalligrafieren ähnlich vorstellen, wie ein Instrument zu spielen. Durch Übung wird man konstant besser: der Körper prägt sich Bewegungsabläufe ein und man lernt sein Werkzeug zu gebrauchen.

In der Kalligrafie gibt es klassische und moderne Varianten. Geschrieben wird mit Feder oder Pinsel. Ich möchte dir hier einen Einblick in die Stile geben:
Die Spitzfeder erzeugt sehr feine Linien auf dem Papier, die bei Anwendung von Druck auf die Feder dicker werden (Expansionskontrast). Linien vom Körper weg sind dabei dünn, Linien zum Körper hin schwellen an.

Eine Breitfeder hingegen hat eine dünne, sowie eine breite Auflagefläche zum Papier. Die Anordnung der dünnen und dicken Linien ist hierbei abhängig vom Winkel der Feder zum Papier (Translationskontrast).

Bevor der Buchdruck aufkam gab es keine andere Möglichkeit, als ganze Bücher von Hand zu vervielfältigen. Kalligrafie wurde früher also genutzt, um gut lesbaren Fließtext in Büchern zu schreiben. Heutzutage ist der Einsatz von Kalligrafie bei festlichen Anlässen besonders beliebt. Der Attraktivität und dem Inhalt wird dabei eine ähnliche Bedeutung beigemessen. Anwendungsbereiche sind zum Beispiel Einladungen, Glückwünsche und Urkunden.
Nicht zu vergessen ist hier auch der aktuelle Trend des Brushlettering , der nur namentlich dem Lettering zugewiesen werden kann. Denn streng genommen gehört diese Disziplin zur modernen Kalligrafie. Dabei wird ein Pinselstift genutzt, um ein ähnliches Schriftbild zur Spitzfeder zu erreichen. Man kann klassische Schriftmodelle nutzen oder nah an der eigenen Handschrift arbeiten. Das ermöglicht schnelle Ergebnisse und damit eignet sich Brushlettering besonders für Anfänger.

Beispiel geschrieben mit der Spitzfeder von Sigrid Bengel, www.schriftundkunst.de

Beispiel geschrieben mit der Breitfeder von Markus Braun, https://flic.kr/s/aHskMNft16

Beispiel Moderne Kalligrafie mit dem Brushpen von Michelle Bertram, http://www.michilicious.com/

Beispiel Moderne Kalligrafie mit einem Buntstift von Anja Sickert, https://wortspuren.com/

Beispiel Klassische Kalligrafie mit der Breitfeder von Hihotypo

Beispiel Japanische Kalligrafie mit dem Pinsel

(Hand-)Lettering

oder auch: Das Zeichnen von Buchstaben

Lettering ist nah verwandt mit Illustration und Zeichnen. Eine spezielle Kombination von Buchstabenformen werden mit mehreren Strichen skizziert, gezeichnet und verfeinert. Keine zwei Projekte sind jemals gleich.

Stilistisch sind dem keine Grenzen gesetzt: Lettering kann naiv und harsch, aber auch haarfein detailliert sein. Es kann witzig sein oder bitterernst. Und genau darin liegt der Vorteil: Die Buchstaben werden passend zum Projekt geformt und konstruiert.

Die Vielfalt der Werkzeuge ist schier unendlich. Mit Bleistift, Finelinern und Zeichenfedern können Buchstaben analog gezeichnet werden. Am Computer kann man Schrift digital zeichnen oder in Vektorgrafiken umwandeln. Unterschiedliche Materialien, wie eine Karotte, ein altes T-Shirt oder Eichenlaub bieten Gelegenheit dazu, Buchstaben aus ihnen zu formen.

Du fragst dich warum Lettering gerade so beliebt ist?
Bis man seinen eigenen Stil gefunden hat und mit Leichtigkeit professionelle Ergebnisse erzielt, braucht es schon enorm viel Übung. Wenn du jedoch ein paar Grundlagen beherzigst und Spaß an der Sache hast, wirst du schnell erste Erfolge erzielen. Das macht Lettering zu einem guten Einstiegsfeld.

Unterkategorien des Letterings sind zum Beispiel auch Schildermalerei, Illumination, Handlettering (der Begriff impliziert zwar, dass man Stift & Papier gearbeitet wird, das kann aber genauso gut mit Stylus und Tablet geschehen).

Lettering auf Keramik-Mosaik

Illustriertes L in schwunghafter Form

Lettering, erst analog ausgearbeitet und anschließend mit Adobe Illustrator digitalisiert

Beispiel Skizzenphase eines Schriftzuges von Peter Becker (Auftraggeber: Landor Hamburg, 2008), http://www.handmadetypes.fr/

Ein Lettering kann auch aus Objekten bestehen

Gemalte Buchstaben & Schriftzüge auf Schildern

Typografie

oder auch: die Gestaltung und Nutzung von beweglichen Zeichen, die vervielfältigbar sind

Dank der Gutenberg-Presse war es ab dem 15. Jahrhundert möglich, Bücher mithilfe beweglicher, analoger Lettern aus Blei zu setzen und zu vervielfältigen. Diese Erfindung löste zumindest in der Buch-Branche die Kalligrafie, und damit das mühselige Kopieren von Hand, schnell ab.
Heutzutage werden nicht mehr nur Bücher, sondern auch Plakate, Visitenkarten und vieles mehr mithilfe von vorgefertigten, digitalen Buchstaben gestaltet. Sie sind verpackt in Fonts auf unseren Computern und lassen sich in unzähligen Varianten miteinander kombinieren.
Typografen wählen Schriften passend für ihre Projekte nach ihren Bedürfnissen aus, um damit Online- und Printmedien zu gestalten.

Dabei kann man sich den Typografen vorstellen wie einen Musiker, der ein Instrument benutzt. Und was wäre der ohne seinen Instrumentenbauer? Darf ich vorstellen: Der Type-Designer.

Type-Designer erledigen die wohl technischsten Aufgaben. Sie gestalteten Systeme von Buchstaben, die in allen möglichen Kombinationen miteinander harmonisieren müssen. Nicht nur müssen alle Zeichen miteinander funktionieren; ein Font muss ebenfalls als Überschrift als auch als Fließtext nutzbar seien; er sollte in klein und groß funktionieren. Es geht darum Kompromisse einzugehen und den größtmöglichen gemeinsamen Nenner zu finden.

Zu Beginn skizziert der Gestalter seinen Schriftentwurf (Typeface) analog oder digital. Am Computer wird dieser weiter verbessert. Testdrucke und unzählige Korrekturrunden folgen.
Ein benutzbarer Font enthält neben dem eigentlichen Schriftentwurf noch viele weitere Informationen und Funktionen. Zum Beispiel sind Buchstabenabstände fest programmiert. Dabei hat jedes Zeichen zu jedem Zeichen einen individuellen Abstand.
Einen guten Font zu gestalten kann Jahre in Anspruch nehmen.

Beispiel appweeve

Beispiel gedruckte Zeitung

Ein Block Bleibuchstaben vor dem Druck

Beispiel Autokennzeichen

Beispiel Buchdruck

Warum bringen wir sie durcheinander?

Die Fachbegriffe lassen sich nicht gut ins Deutsche übersetzen und nicht jeder hat schließlich Lust, sich mit genauen Definitionen auseinander zu setzen. Auch sind die Grenzen oft fließend. Es gibt z.B. Fonts, die aussehen, als wären sie von Hand geschrieben und auch gezeichnete Schrift, die aussieht, wie gedruckt. Oft ist das Arbeitswerkzeug am Ende das Gleiche: Der Computer. Am Anfang steht die analoge Skizze, aber zum Ende hin wird vieles eingescannt und digital verfeinert. Mittlerweile können auch Kalligrafie und Handlettering prima mit einem Stylus und Tablet geübt werden.

Wieso ist es wichtig, den Unterschied zu kennen?

Um passende Workshops, Arbeitsmaterialien und Ansprechpartner zu finden, musst du die Begriffe zuordnen können. So findest du genau das, was du suchst. Allerdings liegt genau hier auch die Schwachstelle: Der Designer, Künstler oder Lehrende muss diese Begriffe ebenso verwenden. Professionelle sollten sich mit der gängigen Terminologie auskennen und sie Ihren Kunden verständlich machen können. Das ist nicht nur wichtig für Kursangebot, sondern ebenso für Auftragsarbeiten. Kalligrafie, Lettering und Typografie können vom Zeitaufwand her sehr unterschiedlich ausfallen und damit unterschiedlich viel kosten.

Es gilt also wie im Straßenverkehr: Aufmerksam seien für die Fehler anderer und im Zweifelsfall einmal mehr nachfragen.

Fazit

Wenn dir also das nächste Mal einer dieser Begriffe begegnet, weißt du ihn nun einzuordnen. Für die schnelle, handliche Übersicht, kannst du dir dieses Bild herunterladen: